Offenes Denkmal 2010

Tag des offenen Denkmals 2010 auf der FKVV

Von der Kraftfahr-Versuchsstelle (Verskraft) zur Verkehrs-Versuchsanlage Horstwalde (FKVV) – lokale Geschichte und Geschichten ab 1938

 

Deutsche Stiftung Denkmalschutz hatte den Tag des offenen Denkmals (TdoD) am 12. September 2010 unter das Motto „Kultur in Bewegung – Reisen, Handel und Verkehr“ gestellt und Fahrzeugerprobung ist seit 1938 ein zentrales Thema für die Landschaft nördlich von Horstwalde. Die aus dem Jahre 1938 stammenden Versuchsstrecken und -module der Geländeerprobung der ehemaligen „Verskraft“, ab 1944 der Heeresversuchsstelle für Panzer und Motorisierung Kummersdorf gehören heute zum Testgelände Technische Sicherheit (TTS) der BAM Bundesanstalt für Materialforschung und -prüfung. Seit 1995 besteht der Förderverein der Verkehrs-Versuchsanlage Horstwalde e. V., welcher die auf etwa 550 ha verteilt liegenden historischen Anlagen pflegt und der Wirtschaft zur Geländeerprobung von Fahrzeugen und Ausrüstungsteilen zur Verfügung stellt. Gerne öffneten die BAM Bundesanstalt für Materialforschung und -prüfung und der Förderverein der Verkehrs-Versuchsanlage Horstwalde e. V. an diesem Tag das für die Öffentlichkeit sonst nicht zugängliche Gelände und gaben Einblick in die Geschichte dieses militär-technischen Denkmals.

 

Events 2010: Tag der offenen Tür

Einige der stummen Stars vom Tag des offenen Denkmals: links: Blick auf die Anfahrt der mit 65 % und 32 m Länge anspruchsvollsten Steigungsbahn in Europa; mittig: Kletterstufen mit 400 mm, 600 mm und 800 mm Kantenhöhe; rechts: die längere von zwei Verwindungsbahnen 96 m lang mit max. Amplitude von 1335 mm – alles errichtet 1938 Fotos: K. Urban

 

Historischer Abriss der Region:

 

Das Preußische Kriegsministerium beschloss 1871, den Schießplatz Tegel der Artillerieprüfungskommission in den Kummersdorfer Forst zu verlegen. Die notwendige Transportkapazität wurde mit einer Militäreisenbahnlinie von Berlin-Schöneberg nach Kummersdorf-Schießplatz geschaffen, welche am 15. Oktober 1875 in Betrieb ging. In der Analyse der Ursachen der Niederlage im ersten Weltkrieg wurde u. a. die mangelnde Mobilität der kämpfenden Truppe verantwortlich gemacht. Deshalb wurde 1917 in Kummersdorf eine Versuchsstelle für Förderbahn- und Kraftwagenbetrieb errichtet. Durch den rasch steigenden Bedarf an Versuchskapazität entsand 1926 eine Kraftfahr-Versuchsstelle „Verskraft“ für Motorräder, Pkw, Lkw, Zugmittel und Panzer mit Prüfständen, Werkstätten und Garagen nahe Gottow. In der Zeit 1932-1936 wohnte auch Wernher von Braun in Mellensee und arbeitete in der Forschungsstelle für Raketenentwicklung in Kummersdorf, wo er 1934 erste erfolgreiche Brennversuche mit einem Flüssigkeitstriebwerk auf dem Versuchsgelände des Heereswaffenamtes unternahm.

 

Die rasante Entwicklung von mobiler Wehrtechnik führte 1938 dazu, dass die alte Verskraft durch eine völlig neue Kraftfahr-Versuchsstelle („Verskraft neu“) bei Kummersdorf ersetzt wurde. Diese zeichnete sich nicht nur durch viel größere Werkstattbereiche, bessere Motorenprüfstände sondern auch durch spezielle Klima- und Staubkammern aus, welche erstmalig einsatznahe Umweltbedingungen simulieren konnten. Unter Einbeziehung der von der Weichseleiszeit (Ende etwa 11 000 v. Chr.) hinterlassenen großen Sanddünen in den „Schlagebergen“ nordöstlich von Horstwalde konnte die Geländeerprobung von Vollketten-, Halbketten- und Allradfahrzeugen in unmittelbarer Nähe perfektioniert werden. Nordöstlich der Gemeinde Horstwalde wurde unter Verwendung des Profils der Parabeldünen ein Komplex aus Steigungsbahnen, Kletterhindernissen, Watbecken, Verwindungsbahnen und zum Teil mit Geröll belegten Steilhängen errichtet. Für Dauererprobungen wurden diese Module zu einem Rundkurs von über 8 km Länge verbunden. Die verbindenden Waldwege führen selbst über sehr anspruchsvolle Sandstrecken und -hänge. Ab 1939 wurde das Aufgabengebiet der neuen Verskraft durch die Untersuchung von erbeutetem Kriegsgerät ergänzt. Die Erkenntnisse über Stärken und Schwächen der fremden Panzer und Fahrzeuge gingen direkt an die Front und in die deutsche Rüstungsindustrie. Durch den Zuggewinn an Bedeutung wurde die neue Verskraft 1944 zur Heeresversuchsstelle für Panzer und Motorisierung aufgewertet. Sie hatte im Januar 1945 einen Personalbestand von ca. 680 Mann bei einem wahrscheinlichen Jahresetat von 200 Millionen RM.

 

In der Zeit 1945-1956 dienen die Anlagen der Roten Armee, später der 64. Automobilbrigade der sowjetischen Streitkräfte als Kfz-Wartungsbetrieb und das Erprobungsgelände nordöstlich von Horstwalde als militärisches Fahrschulgelände. Die Nationale Volksarmee der DDR (NVA) betrieb in Horstwalde ab 1957 ein Versuchs- und Erprobungsgelände, welches 1975 in das Militärtechnische Institut (MTI) in Königs Wusterhausen integriert wurde. Unter der Regie des MTI wurden weiterhin Kraftfahrzeuge aber zunehmend auch andere Militärtechnik erprobt. Gleichzeitig hatte auch die zivile Fahrzeugindustrie der DDR Zugang für Werkserprobungen. Die Bauakademie der DDR unternahm u. a. Beschussversuche zur Simulation von Unfallgefahren durch abstürzende Flugzeuge auf das Containment zukünftiger Kernkraftwerke.

 

Im März 1990 wurde das MTI aus der NVA ausgegliedert, zum „Institut für Produktprüfung und Industrietoxikologie“ (IPI) umgebildet und als Zentralinstitut dem Amt für Standardisierung, Messwesen und Warenprüfung der DDR (ASMW) unterstellt. Mit Auflösung des ASMW zum 3. Oktober 1990 übernahm die BAM Bundesanstalt für Materialforschung und -prüfung in Berlin das 12 km2 große Freiversuchsgelände auf Erlass des Bundesministeriums für Wirtschaft und Technologie (BMWi).

 

Der im April 1995 gegründete Förderverein der Verkehrs-Versuchsanlage Horstwalde e.V. pachtete später die auf etwa 550 ha verteilten Kfz-Erprobungsanlagen bei der BAM und betreibt seit dem eine der anspruchsvollsten Off-Road-Versuchsanlagen in Deutschland. Mit den Einnahmen aus der Vermarktung wird das seit 2007 beim Brandenburgischen Landesamt für Denkmalpflege und Archäologisches Landesmuseum (BDLAM) gelistete militär-technische Denkmal erhalten und gepflegt. Das Flächendenkmal „Heeresversuchsanstalt Kummersdorf“ ist in der Denkmalliste des Landes Brandenburg, Landkreis Teltow-Fläming unter C Denkmale übriger Gattungen auf Seite 40 gelistet (Stand: 31.12.2009). Eine Beurteilung des Denkmals von Dr. Baxmann und Frau Dr. Buchinger finden Sie hier.

 

Im Rahmen dieser Veranstaltung wurde auch eine etwa 85 Seiten umfassende Dokumentation „Das Erprobungsgelände Horstwalde 1954-1990“ der Öffentlichkeit vorgestellt.

 

Der Tag des offenen Denkmals in Horstwalde

 

Das Programm des Fördervereins der Verkehrs-Versuchsanlage Horstwalde e.V. (FKVV) als lokaler Veranstalter begann um 09:00 Uhr mit der Pflanzung einer Vogel-Kirsche als Baum des Jahres 2010 vorm Haus 501 am Fuß der Steigungsbahnen. Etwa 20 Frühaufsteher unter den Gästen schauten Revierförster Dirk Mauve vom Bundesforstbetrieb Havel-Oder-Spree – Revier Horstwalde und Wolfgang Brendel stellvertretender Vorstandsvorsitzender vom Förderverein der Verkehrs-Versuchsanlage Horstwalde e.V. zu.

 

Die Pflanzung vom jeweiligen Baum des Jahres durch den im Revier zuständigen Bundesforstbetrieb ist inzwischen eine kleine Tradition. Dieses Jahr konnten Standortgeschichte und nachhaltige Landschaftsgestaltung in idealer Weise verbunden werden, denn die Vogel-Kirsche (Prunus avium L.) wird jeweils im April mit ihrer Blütenpracht strahlen, im Sommer vor der Geschäftstelle der FKVV Schatten sprenden und im Herbst mit den bunten Blättern einen schönen Kontrast zum umliegenden Kiefernbestand geben. Die Früchte sollen an den Ursprung aller Süßkirsch-Züchtungen erinnern und den Vögeln den Speiseplan im Revier ergänzen.

Events 2010: Tag des Offenen Denkmals Pflanzung einer Vogel-Kirsche als Baum des Jahres 2010 Foto: S. Babst

 

Pünktlich um 10 Uhr, 12 Uhr und 14 Uhr trugen die Vereinsmitglieder Sven-Uwe Storm und Dr. Klaus Urban im Haus 501 am Fuß der Steigungsbahnen vor insgesamt 210 Besuchern zur Geschichte der Region vor. Herr Storm spannte den Bogen von 1875 bis 1945, Herr Urban stellte Auszüge aus der am gleichen Tag öffentlich gemachten Dokumentation „Das Erprobungsgelände Horstwalde 1954-1990“ vor. Unmittelbar an die Vorträge ging es für etwa eine Stunde über die Steigungsbahnen zu den Kletterstufen und Verwindungsbahnen. Vor Ort angekommen, gab es weitere Ausführungen und Anekdoten. Der Besucherandrang war so groß, dass die vereinseigene Transportkapazität zu den Außenanlagen bei weitem nicht reichte. Nachdem 58 Mal der Standardhaftungsausschluss der BAM für Besucher des TTS ausgefüllt war, ging es in einem bunten Konvoi aus Pkw, einigen Krädern und Fahrrädern ins Gelände.

 

Events 2010: Tag des Offenen Denkmals

Erprobungssmuster von diesem Kübelwagen (VW Typ 82, Bj. 1943, Leistung mit Serienmotor: 24,5 PS, Wattiefe: 450 mm, Steigfähigkeit: 45 %) sahen Horstwalde garantiert schon früher. Foto: S. Gabst
Ein Konvoi der Gästefahrzeuge angeführt vom vereinseigenen 4×4-Bus auf dem Weg vom Kopf der Steigungsbahnen zu den Kletterstufen und Verwindungsbahnen. Foto: S. Gabst
Diese P 50/2 rot/papyrus und P 60 Kombi haben beide Bj. 1962. Der P 50/2 leistet 15 KW/18 PS aus 500 ccm Hubraum. Der Haltearm vom rechten Außenspiegel wurde vom Besitzer mangels Ersatzteil aus Massivaluminium gefeilt und geschliffen. Foto: S. Gabst

 

Für die Organisatoren unerwartet entwickelte sich dieser Herbstsonntag bei strahlendem Sonnenschein zu einem kleinen Tag der offenen Tür. Für das leibliche Wohl sorgte der Baruther Fleischerei- und Partyservice-Betrieb Rudi Gebhardt.

 

Anmerkungen: Der Förderverein der Verkehrs-Versuchsanlage Horstwalde e.V. (FKVV) beabsichtigt insbesondere die für den Standort Horstwalde relevante Geschichte von (1875)-1938-1945 im Winter 2010/2011 in einer eigenen Publikation zu veröffentlichen. Wer an der Geschichte der Heeresversuchsanlage bei Kummersdorf interessiert ist, dem sei ein Besuch der Web-Site vom Historisch-Technischen Museum der Heeresversuchsstelle Kummersdorf empfohlen. In der Literatur hat sich der Militärhistoriker Wolfgang Fleischer mit dem Buch „Die Heeresversuchsstelle Kummersdorf“, Podzun-Pallas-Verlag 1995, ISBN: 3-7909-0556-0 um die Geschichte dieser Region verdient gemacht.

 
 

KU (Stand: 2010-10-21)